Wo die Seelöwen bellen an der Ostmole

Umweltsenator Holger Matthäus, Chris Müller-von Wrycz Rekowski, Guido Denhardt und Frederike Hanke mit dem 18 Jahre alten Seehund Luca.Umweltsenator Holger Matthäus, Chris Müller-von Wrycz Rekowski, Guido Denhardt und Frederike Hanke mit dem 18 Jahre alten Seehund Luca.13. Juni 2020

Stille im sonst so quirligen Warnemünde, neben dem Gekreische der Möwen ist nur ein lautstarkes und fast schon penetrantes Bellen zu hören – dieses Szenario erlebten wir Einheimischen erst vor wenigen Wochen. Es war die Zeit des Shutdowns im Ostseebad. Hier ist das Leben wieder in vollem Gange und das Marine Science Center Hohe Düne (MSC) lädt zum Vor-Ort-Termin, um über die Forschungsarbeit, Belange des Natur- und Tierschutzes aber auch Probleme mit Anglern zu berichten.

„Für den ‚Krach‘ sorgen unsere halbstarken Seelöwen. Sie sind fast immer in Aktion, manchmal 24 Stunden am Tag. Seehunde hört man dagegen fast gar nicht, denn ihre Stimmen sind vergleichsweise zart“, klärt Guido Dehnhardt auf. Der gebürtige Westfale ist Professor für sensorische und kognitive Ökologie und leitet die gleichnamige Arbeitsgruppe der Robbenforschungsstation an Bord der Lichtenberg. Seit 2008 gilt hier: „Lernen wo andere Urlaub machen“. Das Besondere: Die wissenschaftliche Einrichtung ist öffentlich. Besucher sind sogar ausdrücklich erwünscht, denn sie tragen mit ihren Eintrittsgeldern wesentlich zur Finanzierung der Forschungsarbeit bei. Allein im vergangenen Jahr wurden 70.000 Gäste gezählt. Damit gehört das Marine Science Center zu den besucherstärksten Einrichtungen der ganzen Stadt Rostock.

Neben insgesamt zwölf Robben, darunter neun Seehunde, zwei Seelöwen und ein Seebär, leben hier auch vier Humboldt Pinguine – alles Zoogeburten – in naturnahen „Becken“. Diese sind eigentlich durchlässige Netztaschen und verhindern die Flucht der Tiere. „Einmal, es muss kurz nach der Eröffnung gewesen sein, ist ein Tier durch ein Loch nach draußen gedrungen. Mittels Futtereimer konnte es aber schnell wieder zurückgelockt werden“, berichtet Frederike Hanke, die eine Professur für die noch relativ neue Arbeitsgruppe Neuroethologie innehat. Auch der umgekehrte Weg ist möglich und so mancher Heringsschwarm hat sich schon zu den Robben verirrt, deren natürliches Jagdverhalten dadurch erhalten bleibt. Man spricht von einer sogenannten Semi-Freiheit. Natürlich werden die Tiere auch gefüttert, allerdings nur mit Fisch, der mindestens zwei Monate lang tiefgefroren war. Nematoden – Fadenwürmer – gehören nämlich zu den größten Feinden der schlauen Meeressäuger.

Zunehmend sind auch wilde Robben in der unmittelbaren Nähe anzutreffen: „Erst kürzlich hielten sich ein junger Seehund und ein paar neugierige Kegelrobben im Umfeld der Anlage auf und begrüßten uns schon morgens mit ihren freudigen Kapriolen. Ein wunderbar harmonisches Bild“, weiß Guido Denhardt zu berichten. Alles andere als harmonisch war dagegen das Verhalten einiger Angler auf der Ostmole. Aus Angst, der Fischbestand würde nicht für alle reichen, bewarfen sie die Tiere mit Steinen. Seither sind die Wildrobben leider verschwunden. „Sogar unsere Leute wurden angepöbelt, denn offenbar ging man davon aus, dass es sich um unsere Tiere handelte. Die Menschen können sich nicht vorstellen, dass es in unserer Gegend wieder freilebende Robben gibt“, so Denhardt. Er spricht von einer Ausnahme, denn an sich seien Angler friedliche Zeitgenossen. Wenig Verständnis für das aggressive Auftreten der Petrijünger zeigt der zuständige Senator Chris Müller-von Wrycz Rekowski: „Wir werden das keinesfalls tolerieren und auch stärker kontrollieren“, kündigt er an.

In der Ostsee, vorwiegend um Skandinavien, leben etwa 40.000 Kegelrobben. „Eine gesunde Population, die sich nach und nach neue Lebensräume erschließt und auch zu uns ausweicht“, weiß der Biologe. Umso wichtiger, auch innerhalb der Stadtverwaltung, die Zuständigkeitsfrage zu klären. Nachfragen, wie man sich denn bei einer Begegnung mit Robben am Strand richtig verhalte, laufen nämlich oft bei ihm auf. Sein Tipp: „Unbedingt fernbleiben! Schließlich handelt es sich um Raubtiere.“

Der Standort für das Forschungszentrum, geschützt durch den Yachthafen Hohe Düne, sei nach Aussage der Forscher perfekt. Beeinträchtigungen der Tiergesundheit durch Schiffsmotoren schließt Dehnhardt aus. Häfen zählten sogar zu den bevorzugten Lebensräumen von Robben. Ohne größeren Aufwand sei es zudem möglich mit den Tieren raus aufs Meer zu fahren um Experimente unter Echtbedingungen durchzuführen.

Das Marine Science Center zählt auf dem Gebiet der Meeressäugerforschung zu den weltweit führenden Robbenforschungszentren. Es ist die größte Haltungsanlage überhaupt. Angesiedelt innerhalb des Instituts für Biowissenschaften der Universität Rostock, ist es wissenschaftlich auf Neurobiologie und Neuroethologie fokussiert und damit international nahezu einzigartig. Erforscht werden Sensorik und Informationsverarbeitung der Robben im Kontext zum offenen Habitat. Die Tiere verfügen über ein schlechtes Sehvermögen und haben kein GPS. Wie orientieren sie sich und welche Rolle spielen Barthaare und Hörvermögen bei der Futtersuche? Die Forschergruppe ist mittlerweile etabliert und muss sich auch im internationalen Vergleich nicht verstecken. „Zu meiner Studentenzeit musste man noch unbedingt in den USA gewesen sein, heute kommen die amerikanischen Austauschstudenten zu uns und das erfüllt uns mit Stolz“, sagt Guido Dehnhardt. Zwölf Wissenschaftler arbeiten aktuell am Standort, Tendenz steigend.

Corona hat auch das marine Forscherteam vor große Schwierigkeiten gestellt. Das MSC ist noch nicht für den Publikumsverkehr geöffnet, Besucherzahlen sind eingebrochen. Nur, weil in den Vorjahren gut gewirtschaftete wurde, konnte man die Krise einigermaßen unbeschadet überstehen. Jetzt laufen Gespräche für eine vorsichtige Öffnung und Gruppenführungen unter vorheriger Anmeldung sind ab dem 1. Juli vielleicht wieder möglich.  







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