Verkommt der Alte Strom zu einer Ramschmeile

Ramschmeile Alter Strom? Während der Sommermonate wird es oft eng auf der Meile. Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen können nicht ungehindert passieren.Ramschmeile Alter Strom? Während der Sommermonate wird es oft eng auf der Meile. Rollstühle, Rollatoren und Kinderwagen können nicht ungehindert passieren.06. September 2022

Für den ersten Eindruck von Warnemünde ist der Alte Strom entscheidend. Hier spaziert früher oder später jeder entlang. Aufwändig instandgehaltene Kutter und die besondere Architektur der liebevoll restaurierte Kapitänshäuser verzaubern die Gäste aus der ganzen Welt. Hier gibt es einladende Bars und Restaurants, aber auf dem nördlichen Teil auch zahlreiche Ladengeschäfte. Eine Bummelmeile in 1A-Lage? Leider nein, denn zunehmend verwandelt sich der Alte Strom nämlich in eine Ramschmeile.

„Von den schönen Fassaden ist nicht mehr viel zu sehen, denn alles ist vollgemöhlt“, meint Ulrike Möller, die gemeinsam mit ihrem Mann Peter die Galerie Möller, Am Strom 68, betreibt. Die beiden beobachten die Entwicklung schon seit den 90er Jahren, als die Stadtverwaltung damit begann, auch die Flächen vor den Häusern und zwischen den Bäumen kommerziell zu nutzen. „Wir haben schon mehrfach versucht, dagegen vorzugehen, doch alle Bemühungen liefen ins Leere“, sagt Peter Möller. Das sei billigstes Ballermann-Niveau und Kunden sprächen längst von einem „Polenmarkt“.

Usus scheint zu sein, dass die mitunter kleinen Ladenflächen nach draußen erweitert werden. Kleider- und Hutständer, ja sogar Grabbeltische dominieren das Bild. Ladeninhaber wechseln manchmal von einer Saison zur nächsten, doch das Angebot bleibt gleich. Auf den Händler-Mix kann man keinen Einfluss nehmen, wohl aber auf die Präsentation der Waren und genau da scheint es zu hapern. Das meint auch Martin Ernst vom Brillenkontor Janmare: „Eine Kundin aus Rostock hat erst kürzlich am Strom einen Optiker gesucht und ist mehrfach vorbeigelaufen, weil sie uns vor lauter Ständen einfach nicht gefunden hat“, berichtet er. Auch sein Laden müsse Miete bezahlen – sommers wie winters. „Unsere Kunden – wir generieren sie nicht aus dem Massentourismus – fühlen sich regelrecht abgestoßen. Da läuft etwas richtig falsch in Warnemünde“, schimpft der Optikermeister.

Um das herauszufinden lud Noch-Bau- und Umweltsenator Holger Matthäus am vergangenen Freitag zur Begehung. Grundsätzlich befürwortet er die Nutzung der Außenflächen, gerade für die Gastronomie auch am Alten Strom. Allerdings müsse alles im Rahmen bleiben. Hier sei Fingerspitzengefühl gefragt, denn während der Corona-Zeit wurde sehr großzügig genehmigt. Das muss jetzt sukzessive wieder zurückgenommen werden.

Das Prozedere ist so, dass Anträge auf Sondernutzung von den Gewerbetreibenden und Gastronomen bei der Tourismuszentrale gestellt werden. „Sie durchlaufen die Ämterrunde und kommen dann meist mit dem Vermerk „genehmigt“ zurück“, weiß die zuständige Sachgebietsleiterin, Katja Kiebs. Grundsätzlich genutzt werden dürften die Kiesstreifen zwischen den Bäumen, nicht aber die Baumscheiben.

Fast täglich ist Katja Kiebs am Alten Strom unterwegs. Nicht mit einem Maßband zwar, aber doch sehenden Auges. Meist würden die genehmigten Flächen überschritten oder Baumscheiben mitgenutzt. Vollzugsmöglichkeiten hat sie keine. Unterstützung von der Ordnungsbehörde wäre wünschenswert. Fällt ihr etwas auf, geht sie rein und spricht mit den Unternehmern. Diese seien zumeist freundlich und folgsam, doch nicht alle: Ein Restaurant hat ohne Genehmigung eine dritte Reihe mit Tischen und Stühlen aufgestellt. Der Inhaber wurde angesprochen, hat nicht reagiert und muss jetzt mit einem Bußgeldbescheid rechnen.

180 Zentimeter Platz muss ein Gehweg hergeben, damit zwei Rollstühle, Rollatoren oder Kinderwagen unproblematisch passieren können. Das wird nicht immer eingehalten. „Mir scheint, wir haben ein Vollzugsdefizit“, befand der langjährige Ortsbeiratsvorsitzende, Alexander Prechtel. „Die Gewerbetreibenden sitzen das ‚Du, du‘ offensichtlich schamlos aus, die Stadtverwaltung nimmt den Zustand beobachtend zur Kenntnis und toleriert ihn.“

„Die Flächen sind zugestellt, Passanten kommen nicht vorbei und Kundenströme werden umgelenkt. Das Angebot nicht wirklich auf Qualität ausgerichtet, sondern billige Massenware“, sagte Chris Günther, die als Vertreterin aus der Wirtschaft an der Begehung teilnahm. Ihre Empfehlung: Flächen für Außenpräsentation begrenzen und ins Verhältnis zur Ladenfläche setzen. Nicht alles, was beantragt werde, müsse auch genehmigt werden.

Über die die Sondernutzung lasse sich das jedoch nicht regeln, argumentierte Tourismusdirektor Matthias Fromm: „Wir benötigen eine regulierende Gestaltungssatzung. Damit lässt sich alles Mögliche festschreiben, auch was, wo aufgestellt werden darf.“ Nur so könne man wirklich Einfluss nehmen.







« vorheriger Artikel zur Übersicht zum Archiv nächster Artikel »

Kommentieren Sie den Artikel

Name
E-Mail (wird nicht veröffentlicht)

Sicherheitscode
Ich willige ein, dass DER WARNEMÜNDER die von mir überreichten Informationen und Kontaktdaten dazu verwendet um mit mir anlässlich meiner Kontaktaufnahme in Verbindung zu treten, hierüber zu kommunizieren und meine Anfrage abzuwickeln. Dies gilt insbesondere für die Verwendung der E-Mail-Adresse zum vorgenannten Zweck. Die Datenschutzerklärung kann hier eingesehen werden.*


13.09.2022 um 07:09 Uhr
Meier: Gerade das bunte Leben vermittelt Urlaubsstimmung, es ist aber tatsächlich störend, dass man Slalom laufen muss, weil die Verkaufsträger im Weg stehen und sich die Menschen sich gegenseitig behindern!
12.09.2022 um 10:29 Uhr
Hans-Ulrich Dr. Schneider: Mir gefällt Warnemünde seit Jahren und natürlich auch der Alte Strom. Das bunte Treiben vor den Geschäften bringt Leben wie man es in Südeuropa überall erlebt. Natürlich kann man auch eine sterile Umgebung durch immer mehr Regelungen erzeugen. Wir regeln uns inzwischen ziemlich kaputt.
Bitte so lassen wie es ist.
09.09.2022 um 16:25 Uhr
Bernd : Einen ähnlich negativen Trend nimmt auch die Mühlenstrasse. Die Wege sind manchmal so eng zugebaut, dass man schon als Fußgänger Probleme hat. Der Kommunale Ordnungsdienst ist ja schon mit der Verkehrskontrolle überfordert. Parkscheine werden nur noch selten gezogen. Die Erfolgschancen nicht erwischt zu werden, ist sehr hoch. Früher waren die Kontrollen engmaschiger. Heute sind die Verantwortlichen schneller beim Verschärfen von Regelungen als beim Umsetzen der bestehenden Vorgaben.
09.09.2022 um 16:02 Uhr
Uwe: Neben der negativen Entwicklung am Alten Strom ist der Trend in der Mühlenstrasse auch unbefriedigend. Hier kommt auch noch die mangelnde Verkehrskontrolle dazu. Parkscheine werden kaum noch gelöst, weil die Erfolgschancen nicht erwischt zu werden, sehr hoch ist.
06.09.2022 um 09:50 Uhr
lima: Der Alte Strom ist schon lange eine Ramschmeile und verkommt immer mehr.
Auch ein sehr gut gehendes Backwaren Cafe , innen und aussen , ist seit einiger Zeit mit Klamotten vollgestopft !! Das musste doch auch "genehmigt" werden !!?? Warum wundern sich denn die Damen und Herren bei der Begehung ??