Mittelmole Warnemünde: Bürger zeigen die Rote Karte

Positionierten sich gestern Abend zu wichtigen Warnemünder Themen: als Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl am 26. Mai, Dirk Zierau, Sybille Bachmann, Uwe Flachsmeyer und Claus Ruhe Madsen sowie die Bürgerschaftsmitglieder Chris Günther, Erhard Sauter und Helge Bothur.Positionierten sich gestern Abend zu wichtigen Warnemünder Themen: als Kandidaten für die Oberbürgermeisterwahl am 26. Mai, Dirk Zierau, Sybille Bachmann, Uwe Flachsmeyer und Claus Ruhe Madsen sowie die Bürgerschaftsmitglieder Chris Günther, Erhard Sauter und Helge Bothur. (3 weitere Bilder)03. April 2019

Um zentrale Warnemünder Fragen drehte sich eine große Podiumsdiskussion, die mit etwa 250 interessierten Bürgern am gestrigen Abend im Technologiepark Warnemünde stattfand. Eingeladen hatten die Bürgerinitiative „Alter Fährhafen“ (BI), der Tourismusverein Rostock & Warnemünde (TVRW) sowie der Handels- und Gewerbeverein Warnemünde (HGV). Mit Sybille Bachmann, Claus Ruhe Madsen, Dirk Zierau und Uwe Flachsmeyer waren vier Kandidaten für das Rostocker Oberbürgermeisteramt der Einladung gefolgt. Die beiden Senatoren Steffen Bockhahn und Chris Müller-von Wrycz Rekowski ließen sich entschuldigen. Außerdem hatten im Podium Vertreter dreier Bürgerschaftsfraktionen Platz genommen.

Es ging um das ganze Dilemma Mittelmole mit Geschosshöhen und Wohnungsvolumen, den Konflikt Wohnen versus Erleben und die offenbare Untätigkeit der Verwaltung bei unangenehmen Themen, wie der Fortschreibung des Strukturkonzeptes, dem Masterplan „Seekanal“, Parkraumkonzept oder B-Plan „Strand“. Ein Kernthema: das geplante Aufweichen des Bürgerschaftsbeschlusses von 2014 mit einem Zehn-Punkte-Plan zur Mittelmolen-Bebauung. Dieser Kompromiss des Kompromisses soll am Dienstagabend im Ortsbeirat und am 15. Mai in der Rostocker Bürgerschaft behandelt und, wenn möglich, bestätigt werden.

„Es geht um die Bebauung des letzten verbliebenen Filetstücks in unserer Region. Eine Fläche bei deren Gestaltung wir eine unwiederbringliche Chance haben, etwas Einmaliges im Ostseeraum zu gestalten, was nachhaltig die Lebensqualität der Bewohner und das Image unserer Stadt verbessern kann“ leitete der Vorsitzende des TVRW, Frank Martens, die Diskussionsrunde ein. Er erinnerte an die Hochstimmung, als sich die Stadt mit ihrer kommunalen Wohnungsgesellschaft Wiro das Grundstück sicherte und wie man sich in beispielhaften Bürgerforen zur Strukturentwicklung Warnemündes und der Mittelmole einbrachte. „Wie klar war das Ergebnis dieser Bürgerbeteiligung und interessanterweise auch identisch mit dem Fazit der externen Fachleute, die zeitnah die Tourismuskonzeption 2022 für die Hansestadt erarbeiteten: Die Mittelmole sollte als maritimes Gesamterlebnis für Einheimische und Touristen konzipiert werden mit nachrangigem Wohnen.“ Hierzu wurde seinerzeit ein Kompromiss erarbeitet, der 2014 in einem Bürgerschaftsbeschluss als Konsens für weitere Planungen mündete.

Die 2017 von Rostock Port in Auftrag gegebene Kreuzschifffahrt-Verträglichkeitsuntersuchung schlägt in dieselbe Kerbe: „Entzerrung der Besucherströme, um insbesondere den Alten Strom und die Strandpromenade zu entlasten, durch Verbesserung der Aufenthaltsqualität auf der Mittelmole sowohl für Kreuzfahrttouristen als auch für Tagesbesucher und Einheimische“, trägt Dietmar Vogel, Vorsitzender des HGV, vor. Die immer wieder geforderte Fortschreibung des Strukturkonzeptes sei bis heute ausgeblieben. Trotzdem gäbe es jetzt einen neuen Versuch im Ortsbeirat und in der Bürgerschaft den Kompromiss zu kippen und das Thema Wohnen in den Vordergrund zu stellen. Vogel untermauerte das mit einem Zitat des Wiro-Chefs, Ralf Zimlich: „Wenn Ihnen  der Vorgarten gehört, würden Sie sich auch nicht reinreden lassen, welche Blumen Sie dort anpflanzen.“ Für einen städtischen Betrieb ist diese Herangehensweise zumindest fragwürdig.

Die Mittelmole und Warnemünde nicht isoliert zu betrachten sondern immer im Kontext der Stadtentwicklung, mahnte BI-Sprecher Heiko Schulze an. „Gegenwärtig richtet sich alles nach den Interessen der Investoren und das hat Folgen: Planungsverdichtung auf den letzten verbliebenen Freiräumen, ein Wohnungsbau der am Bedarf vorbeigeht und vor allem immer mehr rentable Zweckbauten, die die Stadt verschandeln. Mit diesen Neubauten geht Stück für Stück die Attraktivität unseres Heimatortes verloren.“ Schulze kritisiert ausdrücklich die Proportionen und Geschosshöhen auf der Mittelmole, die den Alten Strom zu einer Miniaturkulisse degradieren: „Mit 16,20 bis 26,60 Metern Gesamthöhe im Quintett stellen sie sogar einen fünfgeschossigen Neubaublock mit nur 15,52 Metern Höhe (WBS 70 vom VEB WBK Rostock) in den Schatten.“ Wirtschaftlich brauche die Wiro das Wohngebiet nicht und auch das Rostocker Wohnungsproblem würde – weil viel zu teuer – damit  nicht gelöst. Eine weitere Einengung der hafenwirtschaftlichen Entwicklungspotenziale sei dagegen unnötig, Konflikte zwischen maritimer Nutzung und Wohnen sind vorprogrammiert. „Warum nutzen wir die Mittelmole nicht dafür, hier tatsächlich ein Filetstück zu entwickeln? Ziel sollte es sein, den Ort zu bereichern und Ansätze dafür gibt es viele, wenn man sich in anderen Städten der Welt umschaut.“ Seit dem Bürgerschaftsbeschluss von 2014 sei nichts passiert. Die Bürger wurden seit dem prinzipiell ausgeschlossen und das obwohl der Beschluss eine sehr intensive Beteiligung zusichert.

Bürgerschaftsmitglied und Kandidatin für den Oberbürgermeister-Posten, Sybille Bachmann, begleitet den Prozess zur Mittelmolen-Bebauung von Beginn an. Sie weiß auch um die beiden Knackpunkte des neuen Kompromisses: Wohnen am Park und Quintett-Bebauung mit mehr als vier Geschossen. Ihr fehlt es deutlich an Bürgerbeteiligung: „Wir sollten mehr miteinander und nicht übereinander reden!“ Bachmann stellte auch klar, dass die Stadt am Ende den B-Plan machen würde und die Bürger im Ortsbeirat ihre Wünsche dazu äußern könnten. „Wenn die keine Mehrheit finden, müssen wir die Demokratie anerkennen.“ Sie wirbt außerdem dafür, den Neubau der Sportschule vorzuziehen, um die zugesagten Fördergelder nicht verfallen zu lassen.

Die bis zu sieben Geschosse in der Quintett-Bebauung ärgern auch Uwe Flachsmeyer, ebenfalls Mitglied der Bürgerschaft und OB-Kandidat. Da habe man sich am Bestandsgebäude Wirotel orientiert – ein fauler Kompromiss. Er forderte zudem ernsthaft über die Architektur zu diskutieren. „Es handelt sich schließlich um das seeseitige Einfahrtstor nach Warnemünde und bei einer einfallsreichen Architektur könnte ich auch mit höheren Gebäuden leben.“ Ein ganz wichtiger Maßstab ist für ihn als Bürgerschaftsmitglied das Votum des Ortsbeirats dem man auch mit dem Beschluss aus 2014 gefolgt sei. Man müsse jetzt darüber diskutieren, ob die abweichenden Punkte konsensfähig seien oder ob man noch mehr transparente Bürgerveranstaltungen brauche. „Der Prozess muss aber weiter vorangebracht werden“, lautet sein Appell.

„Seebadtypische Gebäudeästhetik ist gefordert, aber die vorliegende Konzeption hat damit nichts zu tun“, urteilt OB-Kandidat Dirk Zierau, der sich generell gegen „Flickschusterei“ ausspricht, jedoch Sybille Bachmann zustimmte und die Überplanung der Nordseite forderte, damit dem Segelsport keine Nachteile entstünden.

Bürgermeisterkandidat und Unternehmer Claus Ruhe Madsen relativiert in seiner Stellungnahme das ausgemachte „Feindbild Wiro“: „Die Wiro macht das, was man von der Wiro möchte – nicht mehr und nicht weniger.“ Es handele sich um eine kommunale Gesellschaft und wenn es politischer Wille sei, mit dieser Gesellschaft gutes Geld zu verdienen, dann passiere das auch. An den Ortsbeirat gerichtet kritisiert der Warnemünder: „Wenn man mit dem Zehn-Punkte-Plan schon einen Kompromiss erarbeitet hat, dann muss man sich auch daran halten.“ Er fordert nachdrücklich einen Prozess auf Augenhöhe, anstatt Fronten aufzubauen. „Wir sollten die Mittelmole für uns alle nutzbar machen, dafür konstruktive Lösung schaffen und nach vorn schauen.“

Bürgerschaftsmitglied Chris Günther bedauerte, dass die Wiro nicht als Gesprächspartner geladen war. Sie betonte, dass ihre Fraktion dem Beschluss des Warnemünder Ortsbeirats folgen wird. Der Ortsbeirat vertrete schließlich die Bürger. Ortsbeirats- und Bürgerschaftsmitglied Helge Bothur stellte fest, dass die Probleme Warnemündes nicht mit einer Insellösung gelöst werden. Er sieht außerdem ein deutliches Demokratieproblem: „Seit 2011 diskutieren wir nur Wohnen und das ist laut Strukturkonzept von untergeordneter Bedeutung. Warum machen wir das? Fünf Jahre gab es keine Bürgerbeteiligung und jetzt muss in drei Monaten alles passieren.“

Einigkeit herrschte unter den Podiumsteilnehmern hinsichtlich der deutlich verlangsamten Prozesse in der Rostocker Stadtverwaltung. Der B-Plan „Strand“ müsse endlich her, um Planungssicherheit für Unternehmer zu schaffen: „Um 100.000 Euro oder mehr investieren zu können müssen wir verlässlich wissen, dass wir morgen weitermachen können“, fordert Claus Ruhe Madsen, der neben seinem Möbelhaus auch die Strandversorgung „Wikinger gestrandet“ betreibt und damit selbst betroffen ist.

Am Ende der Diskussion kam es zu einem eindrucksvollen Bürgervotum: 99,9 Prozent stimmten per Roter Karte gegen „Beton statt Flair“ und eine Aufweichung des Mittelmolen-Beschlusses durch Ortsbeirat und Bürgerschaft. „Wir sind mit der Veranstaltung sehr zufrieden. Das Votum der Bürger gegen eine Aufweichung des Mittelmolen-Beschlusses war mit nur einer Ausnahme geradezu einstimmig. Es hat Ortsbeirat und Bürgerschaftsfraktionen ganz klar gezeigt, dass sie weder im Namen noch Interesse von Bürgern und Öffentlichkeit handeln, wenn sie dem Antrag der Verwaltung am 9. April im Ortsbeirat und am 15. Mai in der Bürgerschaft zustimmen“, resümierten die drei Veranstalter am Ende der Podiumsdiskussion.



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