Bei "Anna Leschke" bleibt das Licht an

Ihren Frohsinn hat sich Gabi Protsch auch von der Corona-Pandemie nicht nehmen lassen. Voller Optimismus und dem Hoffen auf bessere Zeiten beginnt sie damit, ihr Schaufenster auf Frühling umzudekorieren.Ihren Frohsinn hat sich Gabi Protsch auch von der Corona-Pandemie nicht nehmen lassen. Voller Optimismus und dem Hoffen auf bessere Zeiten beginnt sie damit, ihr Schaufenster auf Frühling umzudekorieren. (1 weiteres Bild)15. Januar 2021

Gewusel in der Mühlenstraße 21 und das trotz verordneter Corona-Ruhe. In der Boutique Anna Leschke sind die ersten Pakete mit Teilen aus der neuen Frühjahr-Sommer Kollektion eingetroffen. Beinahe liebevoll streicht Inhaberin Gabi Protsch beim Auspacken über die leichten Materialien. So, wie ihre Händlerkollegen im Premiumsegment auch, hat sie die jetzt angelieferte Ware bereits im vergangenen Sommer geordert. Doch wohin mit all den luftigen Blusen, Kleidern, Röcken und Hosen? Der Laden ist noch voll mit Wintermode, die wegen des anhaltenden Shutdowns nicht verkauft werden kann. Bei der Wiedereröffnung irgendwann im Frühjahr wird die gestandene Unternehmerin – seit 1995 ist sie selbständig in der Textilbranche tätig und vor sechs Jahren erfüllte sie sich den Traum eines eigenen Modegeschäftes im Ostseebad – damit kaum noch jemanden erfreuen. „Zeitlose Klassiker werde ich einlagern können“, kündigt die 55-Jährige an. Doch der Umsatz aus dem entgangenen Weihnachtsgeschäft fehlt und dieser wird dringend benötigt, um die neue Ware zu bezahlen.

In 60 Tagen werden die 55.000 Euro fällig. Das Zurückstellen der Lieferungen kommt für die Warnemünderin nicht in Frage: „Ich werde den Fluss nicht unterbrechen und zeige mich solidarisch mit Herstellern und Lieferanten, die natürlich auf uns Händler bauen. Wir brauchen und motivieren uns gegenseitig.“ Außerdem gäbe es Verträge. Um ihren Verpflichtungen nachzukommen, hat die gut vernetzte Modeexpertin jetzt gezwungenermaßen ihre Altersvorsorge angezapft. Die gesamte Branche stehe mit dem Rücken zur Wand. Die Menschen seien einfach am Ende und wüssten nicht mehr weiter.

Von der Politik fühlen sich die meisten stationäre Einzelhändler im Stich gelassen. In den nicht vom Winter-Shutdown betroffenen Supermärkten und Drogerien würden auch Textilien und Schuhe angeboten. „Wir haben ebenfalls viel in Hygienemaßnahmen investiert und uns große Mühe bei deren Umsetzung gegeben. Alles umsonst“, beklagt Protsch. Für die vollmundig angekündigte Überbrückungshilfe III gäbe es bislang noch nicht einmal Formulare. Ob sie überhaupt antragsberechtigt ist, wer weiß das schon? Ohnehin würden damit nur bis zu 90 Prozent der Fixkosten abgedeckt. Die Frage, wovon die Inhaber am Ende ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen, sei damit noch lange nicht geklärt. Tatsache sei vielmehr, dass das Wirtschaftsministerium in Berlin seit Monaten ergebnislos über einen „Unternehmerlohn“ diskutiert.

Allgemeine Verwunderung kommt angesichts der in Mecklenburg-Vorpommern neu eingeführten Marktpräsenzprämie auf. Mit dieser 5.000 Euro-Pauschale, sollen Einzelhändler unter anderem beim Aufbau von Onlineshops unterstützt werden. „In unseren inhabergeführten Läden machen wir Outfit-Beratung. Unsere Kunden wissen das zu schätzen und kaufen eben nicht in Onlineshops.“ Außerdem sei man auf einen Onlineverkauf gar nicht vorbereitet, denn man habe eben nicht jedes Teil in jeder Größe mindestens zehn Mal vorrätig.

Verschuldet, ohne Schuld zu haben, bringt Gabi Protsch die Misere eines ganzen Berufszweiges auf den Punkt. An den getroffenen Corona-Schutzmaßnahmen hegt sie keine Zweifel, doch ein fairer Umgang und nachhaltige Unterstützung, die auch ankommt, sei genauso essentiell wie der Gesundheitsschutz. Im Kampf um ihre Existenz gibt sich die 55-Jährige noch lange nicht geschlagen. Die dafür nötige Kraft geben ihr die weit mehr als 100 Stammkunden, mit denen sie einen regelmäßigen Austausch pflegt.



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