Wer nach Warnemünde kommt, sieht es schon von weitem: 64 Meter hoch erhebt sich das Hotel Neptun direkt hinter Strand und Dünen und prägt seit mehr als fünf Jahrzehnten die Silhouette des Ostseebades. Am 4. Juni 1971 öffnete das Haus erstmals seine Türen. Nun feiert das Hotel seinen 55. Geburtstag – und blickt auf eine Geschichte zurück, die eng mit Warnemünde, der DDR, der deutschen Einheit und dem Tourismus an der Ostsee verbunden ist. „Das Neptun ist für viele Menschen weit mehr als ein Hotel. Es ist ein Ort voller Erinnerungen, Begegnungen und Emotionen“, sagt General Manager Guido Zöllick. „Darauf sind wir sehr stolz.“
Die Geschichte des Hotels beginnt mit einer Vision. Klaus Wenzel, damals jüngster Hoteldirektor der DDR und Leiter des Interhotels Warnow, träumte schon in den 1960er Jahren von einem Hotel auf internationalem Niveau – etwas, das es in der DDR bis dahin kaum gab.
Mit Unterstützung von Lotte und Walter Ulbricht – beide waren Stammgäste im Rostocker Interhotel – gelang es, die Parteiführung von dem Projekt zu überzeugen. Die Argumentation: Ein modernes Spitzenhotel sollte dringend benötigte Devisen ins Land bringen. Damit war der Weg für eines der ambitioniertesten Hotelbauprojekte der DDR frei.
Für den Bau wurde das schwedische Unternehmen Svenska Industribyggen Aktiebolag (SIAB) verpflichtet. Nach nur 20 Monaten Bauzeit stand das neue Hotel hinter den Warnemünder Dünen. Zeitzeugen berichten, dass das Großprojekt zunächst weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit realisiert wurde. Als schließlich auch die schwedischen Bauarbeiter in Warnemünde eintrafen, nahmen die Spekulationen in der Bevölkerung derart zu, dass sich die DDR-Führung zu einer offiziellen Pressemitteilung veranlasst sah.
Als am 4. Juni 1971 die ersten Gäste über den roten Teppich schritten, standen Mitarbeiter – vom Pagen bis zum Hoteldirektor Klaus Wenzel – geschniegelt und voller Stolz Spalier. Der Anspruch war damals wie heute derselbe: außergewöhnlicher Service und unvergessliche Urlaubserlebnisse.
Das Hotel Neptun nahm in der DDR eine besondere Rolle ein. Hier begegneten sich Menschen aus Ost- und Westdeutschland vergleichsweise ungezwungen. Das Haus wurde zum Fenster zur Welt und zugleich zum Sehnsuchtsort vieler DDR-Bürger. Zwar galt es als luxuriös und für die meisten kaum erschwinglich, dennoch konnten viele ein Stück „Neptun-Luft“ schnuppern – etwa in der legendären Eis-Milch-Mocca-Bar, der Broilerbar, der Sky-Bar oder im Meeresbrandungsbad.
Zur Geschichte des Hauses gehört auch, dass es – wie viele internationale Hotels der DDR – von den Sicherheitsorganen begleitet wurde. Die Staatssicherheit unterhielt im Umfeld des Hotels Kontakte und Informationsstrukturen. Dieser Aspekt wird heute sachlich als Teil der historischen Entwicklung eingeordnet.
In 55 Jahren haben rund 2,2 Millionen Gäste aus 122 Ländern im Hotel Neptun übernachtet. Fast neun Millionen Übernachtungen wurden registriert.
Die Gästeliste liest sich wie ein Querschnitt aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport. Zu den Besuchern gehörten unter anderem Jürgen von der Lippe, Udo Lindenberg, Roland Kaiser, Peter Maffay, Franz Beckenbauer, Sigmund Jähn, Helmut Schmidt, Angela Merkel, Armin Mueller-Stahl, Anastacia, Friede Springer, Reiner Calmund sowie das niederländische Königspaar Máxima und Willem-Alexander.
Bis 1989 stellten FDGB-Urlauber die größte Gästegruppe. Jährlich verbrachten rund 20.900 Gewerkschaftsmitglieder ihren Urlaub im Haus. Der zweiwöchige Aufenthalt kostete inklusive Vollverpflegung 310 Mark pro Person, für Kinder 30 Mark. Für viele Familien war ein Aufenthalt im Neptun der Höhepunkt des Jahres.
Nach der deutschen Wiedervereinigung begann für das Haus eine neue Epoche. Aus dem einstigen Prestigehotel der DDR entwickelte sich eines der führenden Ferien- und Wellnesshotels Deutschlands. Maßstäbe setzte insbesondere das erste Original-Thalasso-Zentrum Deutschlands.
Heute verfügt das Fünf-Sterne-Hotel über 338 Zimmer – allesamt mit Meerblick und Balkon. Einige der ursprünglich 365 Zimmer wurden im Laufe der Jahre zu großzügigen Suiten zusammengelegt. Regelmäßige Modernisierungen sichern den hohen Standard des Hauses. Aktuell wird der Poolbereich umfassend erneuert, zudem werden in den Wintermonaten Jahr für Jahr mehrere Etagen bei laufendem Betrieb modernisiert. „Sind wir mit allen Zimmern durch, fangen wir wieder von vorne an“, sagt Zöllick mit einem Schmunzeln. Besonders dankbar ist er den vielen regionalen Firmen, die Qualität und Fertigstellungstermine zum Teil schon seit Generationen sicherstellen. „Auch damit bringen uns in die Region ein, in der wir leben.“
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor sind die Mitarbeiter. Viele von ihnen halten dem Hotel seit Jahrzehnten die Treue. Fast 40 Prozent arbeiten bereits länger als zehn Jahre im Haus, mehr als jeder Fünfte sogar über 20 Jahre. „Sie alle sind die Seele des Hauses und machen es aus – ich bin nur die Spitze des Eisbergs“, betont Guido Zöllick. Die geringe Fluktuation gilt als Besonderheit in der Branche.
Der heutige General Manager kennt das Hotel wie kaum ein anderer: Seine Laufbahn begann 1986 mit einer Kellnerausbildung im Neptun. Nach Stationen in renommierten Hotels Deutschlands kehrte er zurück und übernahm 2007 die Leitung des Hauses von Klaus Wenzel.
„Kontinuität ist für ein Ferienhotel enorm wichtig – für die Gäste genauso wie für die Mitarbeiter“, sagt er.
Auch die Führungsebene wurde und wird von besonderen Persönlichkeiten geprägt. Ein Glücksfall für das Neptun war über viele Jahre Gianluca Innocenti, der das Haus 17 Jahre lang als stellvertretender Direktor menschlich wie fachlich bereicherte. Sein Abschied mit der Rückkehr in seine italienische Heimat wurde im Team mit großem Respekt und spürbarer Wehmut aufgenommen.
Umso erfreulicher war, dass sich unmittelbar danach ein weiterer Glücksfall ergab: Mario Derer, dem Haus seit zwei Jahrzehnten eng verbunden, übernahm die Position und führt die erfolgreiche Arbeit im Führungsteam nahtlos fort.
Im Rahmen einer Jubiläumsaktion erreichten das Hotel zahlreiche persönliche Erinnerungen ehemaliger Gäste und Mitarbeiter. Viele berichten von Hochzeiten, Familienurlauben, Jubiläen oder besonderen Begegnungen (DWM berichtete). Diese Geschichten zeigen, warum das Hotel Neptun für viele Menschen weit mehr ist als ein Ort zum Übernachten.
Trotz steigender Kosten für Energie, Personal und Waren blickt das Hotel optimistisch in die Zukunft. Gleichzeitig spürt auch das Neptun die Veränderungen im Reise- und Konsumverhalten. „Die Menschen gehen bewusster aus und geben ihr Geld gezielter aus. Das merken wir ebenso wie viele andere Hotels und Gastronomen“, erklärt Zöllick. Dennoch bleibt das Ziel unverändert: den Gästen außergewöhnliche Urlaubserlebnisse direkt an der Ostsee zu bieten.
Am 6. Juni wird der 55. Geburtstag mit einer festlichen Gala gefeiert. Gemeinsam mit vielen Gästen, langjährigen Mitarbeitern, treuen Partnern, Wegbegleitern und Freunden des Hauses soll auf die vergangenen Jahrzehnte angestoßen werden.
Und so schreibt das Hotel Neptun seine Geschichte weiter – als Wahrzeichen, Gastgeber und Sehnsuchtsort an der Ostsee.
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