Ein außergewöhnlich niedriger Wasserstand der Ostsee sorgt derzeit für große Aufmerksamkeit in der Meeresforschung – und weckt zugleich Hoffnung. Seit Anfang Januar hat eine langanhaltende Ostwindlage den Wasserstand des Binnenmeeres auf einen historischen Tiefpunkt sinken lassen. Was zunächst alarmierend klingt, schafft nun eine seltene Ausgangslage für einen großräumigen Salzwassereinstrom aus der Nordsee, der für die ökologische Erholung der Ostsee von großer Bedeutung sein könnte.
Messungen am schwedischen Pegel Landsort-Norra zeigen: Am 5. Februar lag der Tagesmittelwert mehr als 67 Zentimeter unter dem langjährigen Mittel – der niedrigste Stand seit Beginn der Messreihe im Jahr 1886. Ursache sind anhaltende, teils kräftige Ostwinde, die über Wochen hinweg große Wassermengen aus der Ostsee in Richtung Nordsee gedrückt haben.
Nach Berechnungen des Leibniz-Instituts für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) fehlen der Ostsee aktuell rund 275 Kubikkilometer Wasser. Vergleichbar niedrige Wasserstände traten in den vergangenen 140 Jahren nur äußerst selten auf – zuletzt im Jahr 1980.
In der Ozeanographie gelten bereits Wasserstände von 20 Zentimetern unter dem mittleren Meeresspiegel als günstige Voraussetzung für größere Salzwassereinströme aus der Nordsee. Mit dem aktuellen Extremwert von rund minus 65 Zentimetern sind die Startbedingungen derzeit außergewöhnlich gut.
Entscheidend ist nun der Wetterumschwung: Endet die Ostwindlage und setzen anhaltende Westwinde ein, kann salz- und sauerstoffreiches Nordseewasser in die Ostsee strömen – ein Prozess, der insbesondere den tiefen Becken der zentralen Ostsee zugutekommt.
„Die Chancen für einen größeren Einstrom in den kommenden Wochen sind so hoch wie schon lange nicht mehr“, erklärt Michael Naumann, Koordinator des IOW-Langzeitbeobachtungsprogramms. „Nach den hier bei uns am IOW berechneten Zeitreihen zu Salzwassereinstrom-Ereignissen in die Ostsee liegt die Wahrscheinlichkeit aktuell bei 80 bis 90 Prozent.“
Ein größerer Salzwassereinbruch gilt als natürlicher „Atemzug“ für die Ostsee. In den tiefen zentralen Becken herrscht seit Jahren Sauerstoffmangel, der Lebensräume einschränkt und ökologische Prozesse belastet. Frisches Nordseewasser kann hier für Entlastung sorgen.
Ein möglicher Einstrom im späten Winter hätte dabei besondere Vorteile. „Wenn der Einstrom jetzt kommt, hätte dies gleich zwei Effekte, die für die tiefen Ostseebecken von Bedeutung sind“, sagt Volker Mohrholz, stellvertretender Leiter der IOW-Abteilung Physikalische Ozeanographie. „Kaltes Wasser kann deutlich mehr Sauerstoff aufnehmen als warmes und würde damit – bezogen auf sein Volumen – überdurchschnittlich viel Sauerstoff in die tiefen Becken transportieren. Außerdem könnte ein Einstrom ausreichender Intensität die seit rund zwei Jahrzehnten anhaltend erhöhten Tiefenwassertemperaturen in den zentralen Ostseebecken beenden.“
Ein solcher Prozess könnte die mikrobielle Aktivität in den Tiefen verringern, den Sauerstoffverbrauch senken und langfristig die Lebensbedingungen für zahlreiche Organismen verbessern.
Um ein mögliches Einstromereignis detailliert zu erfassen, setzt das IOW auf ein engmaschiges Messnetz. Eine zentrale Rolle spielt dabei die autonome Messstation Darßer Schwelle, die kontinuierlich Daten zu Strömung, Salzgehalt und Sauerstoff liefert. Ergänzt werden diese Messungen durch weitere Stationen und Forschungsfahrten.
„Die Kombination aus langjährigen Beobachtungen und aktuellen Messdaten erlaubt es uns, sowohl die Intensität als auch die potenziellen Auswirkungen eines Einstroms genau zu bewerten“, so Michael Naumann. Entsprechend laufen bereits die Vorbereitungen für umfangreiche Messkampagnen: Das Forschungsschiff Elisabeth Mann Borgese wird in den kommenden acht Wochen an 49 Tagen in den relevanten Seegebieten im Einsatz sein.
Als besonders intensives Ereignis – ein sogenannter Major Baltic Inflow – gilt ein Salzwassereinbruch, wenn mehr als eine Gigatonne Salz während der Haupteinstromphase in die westliche Ostsee transportiert wird. Solche Ereignisse sind selten, gelten jedoch als wichtige natürliche Impulse für die Erneuerung der Ostsee.
Ein Blick in die Messgeschichte zeigt, dass derart extreme Wasserstände in der Ostsee zwar selten sind, in der Vergangenheit jedoch häufig mit starken Salzwassereinströmen aus der Nordsee einhergingen.
Historische Pegelstände von mehr als 60 cm unter MSL (Pegel Landsort-Norra, Quelle: SMHI) und Intensität der nachfolgenden Einstromereignisse (Salzmenge in GT):
Datum | Pegelstand | Salzmenge
31. Januar 1937 | 61,5 cm | 1,76 GT
11. Februar 1947 | 62,0 cm | 1,57 GT
25. Februar 1954 | 61,2 cm | 0,64 GT
12. März 1972 | 63,9 cm | 2,77 GT
24. März 1980 | 61,2 cm | 1,96 GT
5. Februar 2026 | 67,4 cm | ??
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