Wenn der letzte Knall verklungen ist und der eisige Neujahrswind über den Strand fegt, zeigt sich in Warnemünde alljährlich dasselbe Bild: Raketenreste, Plastik und Batterien liegen im Sand, verfangen sich in den Dünen oder werden in Richtung Ostsee geweht. Am vergangenen Freitag, 2. Januar, setzten EUCC – Die Küsten Union Deutschland e.V. (EUCC-D) und die Tourismuszentrale Rostock und Warnemünde (TZRW) diesem Problem erstmals gemeinsam etwas entgegen. Unter dem Motto „Deine Hand für den Strand“ riefen sie Einwohner und Gäste zur gemeinsamen Silvester-Müllsammlung auf – zeitgleich an zwei Strandaufgängen.
Seit mehr als einem Jahrzehnt ruft der EUCC-D nach Silvester zur Müllsammlung am Warnemünder Strand auf. Häufig unterstützen Schulklassen die Aktion, doch in diesem Jahr verhinderten die Ferien ihre Teilnahme. Umso wichtiger war es für den Küstenschutzverband, frühzeitig aktiv zu werden. „Uns ist es wichtig, den Müll möglichst schnell wieder vom Strand zu entfernen, denn sonst wird er zugeweht oder ins Meer getragen“, erklärt die EUCC-D-Vorsitzende Nardine Stybel. Gemeinsam mit ihrer Familie und weiteren Freiwilligen reinigte sie die Strandblöcke 6 und 7, die offizielle Monitoringstrecke des Verbands. In diesem sensiblen Bereich dürfen die Helfer mit Sondergenehmigung auch die Dünen betreten. Alle Fundstücke werden im Anschluss ausgewertet und fachgerecht entsorgt, betont Stybel.
Unter den Freiwilligen am Aufgang 6 war auch der 17-jährige Anton aus Rostock, der über Freunde von der Aktion erfahren hatte und zum ersten Mal an einer Strandmüllsammlung teilnahm. „Eine schöne Aktion, an der ich mich gern beteilige“, sagte der Schüler, während er Feuerwerksreste aus dem Sand zog. Nach zwei Stunden stand am Aufgang 6 das Ergebnis fest: 37 Kilogramm Müll wurden gesammelt, davon knapp 18 Kilogramm aus der geschützten Düne. Besonders ernüchternd war der Fund im Strandblock 7, wo allein 19 Kilogramm Müll zusammenkamen – trotz vorheriger mechanischer und händischer Reinigung durch Bauhof und Stadtreinigung sowie trotz aufgestellter Mülltonnen.
„Ich kann nur resümieren, dass ich allen Freiwilligen und auch den Strandläufern sehr dankbar bin“, sagt Stybel. „Trotzdem werden wir dem Problem so nicht gerecht.“ Für sie steht fest, dass der gesamte Strand als Schutzzone in Richtung Ostsee verstanden werden müsse. Ein Böllerverbot sei aus ihrer Sicht längst überfällig.
Den wohl längsten Einsatz rund um den Jahreswechsel hatten die Mitarbeiter des Bauhofs der Tourismuszentrale. Bereits in der Silvesternacht rückten sie gegen 3 Uhr morgens aus – bei Sturm, Regen und Dunkelheit. „Die Kollegen machen nach Silvester seit Jahren die Nacht durch, um Feuerwerksreste und anderen Unrat schnell zu entfernen“, erklärt Nachhaltigkeitsmanagerin Mila Zarkh. Ziel sei es, zu verhindern, dass der Müll vom Wind erfasst und in die Ostsee getragen wird. Bereits in den frühen Morgenstunden des Neujahrstages holten Bauhof und Rostocker Stadtentsorgung rund 30 Kubikmeter Müll von Strand und Promenade. Zusätzlich beseitigte die kommunale Gehwegreinigung Silvesterreste von öffentlichen Flächen des Seebades.
Am Freitagvormittag ging der Einsatz weiter. Nach Silvester und dem Warnemünder Turmleuchten am Neujahrstag folgten mehr als 20 Freiwillige dem gemeinsamen Aufruf von EUCC-D und Tourismuszentrale. Am Aufgang 2 hielten 15 Helfende die vollen zwei Stunden trotz Kälte durch. „Die Müllsäcke füllten sich schnell mit Raketenstöckern, Plastikspitzen und Batterieresten“, berichtet Zarkh. Mehrfach mussten die schweren Säcke in die vom Bauhof bereitgestellten Mülleimer entleert werden. Allein hier geht sie von einer Sammelmenge von rund 35 Kilogramm aus.
Zarkh war an diesem Tag nicht allein im Einsatz. Ihr zehnjähriger Sohn Aaron, der bereits als „müllsammlungserfahren“ gilt, begleitete sie. Unterstützung erhielten die Freiwilligen zudem von der Rostocker Stadtentsorgung, die Greifer, Handschuhe und Müllbeutel zur Verfügung stellte. In der Silvesternacht hatte die Gehwegreinigung bereits drei voll beladene Transporter mit Müll aus öffentlichen Flächen Warnemündes abgefahren.
„Es sind erschreckende Mengen, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man es nicht selbst gesehen hat“, sagt Zarkh. Wer vor einer Packung Raketen im Supermarkt stehe, denke selten darüber nach, wie schnell sich die Reste summieren – und wer sie am Ende wegräumt. Für sie ist klar: „Ob mit 15, 150 oder 1.500 Helfenden – so wird man der Lage nicht gerecht.“ Die einzig nachhaltige Lösung seien feste Ruhe- und Schutzzonen am Strand, im Stadthafen und an den Warnowufern, damit man im Sommer nicht zwischen Böllerresten badet oder auf Raketenspitzen tritt.
Die Frage nach solchen Schutzzonen wird derzeit auch politisch diskutiert. Die Rostocker Bürgerschaft hat zunächst beschlossen, dass es zu Silvester 2025/2026 keine neuen, stadtweiten Ruhe- und Schutzzonen geben soll. Ein entsprechender Antrag von Bündnis 90/Die Grünen.Volt mit dem Ziel Mensch, Tier und Umwelt so besser zu schützen wurde wegen zu kurzer Frist auf den 21. Januar 2026 vertagt. Elf von 19 Ortsbeiräten haben sich bereits dafür ausgesprochen – eine klare Mehrheit. Ausgerechnet der Ortsbeirat Warnemünde/ Diedrichshagen sprach sich hingegen dagegen aus.
„Ruhe- und Schutzzonen für private Feuerwerke sind gut und wichtig, denn die negativen Folgen für Natur und Umwelt sind unumkehrbar“, betont Zarkh. Sie hofft nun auf ein positives Votum aus dem Stadtparlament – und darauf, dass Silvester-Müllsammlungen in Warnemünde künftig vielleicht gar nicht mehr nötig sind, weil der Müll gar nicht erst entsteht.
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