„Na min Herzing, wisst’n Fisch hebben?“ Mit diesem unverwechselbaren Ruf lockte Hedwig Anke ihre Kundschaft an. Ihren bürgerlichen Namen kannten bald nur noch wenige – für die Warnemünder war sie einfach „Min Herzing“. Nun erinnert eine Gedenktafel an das Warnemünder Original und an den Ort, an dem die Fischfrau jahrzehntelang ihren Verkaufsstand hatte.
Die Gedenktafel wird heute an der Detharding-Apotheke am Kirchenplatz angebracht. Inhaberin Siglinde Lindauer hat dafür ihr Einverständnis gegeben. Genau hier, an der heutigen Apotheke, befand sich nämlich bis zum Beginn der Bauarbeiten im Jahr 1966 der offene Fischverkaufsstand von Min Herzing.
Ihr Verkaufsplatz war über Jahrzehnte ein fester Bestandteil des Warnemünder Alltags. Bei Wind und Wetter bot die legendäre Fischfrau ihre Ware an. Ihr offener Karren mit den hölzernen Fischkisten, die eisenbeschlagenen Räder auf dem Kopfsteinpflaster und vor allem ihre herzliche, selbstbewusste Art machten sie unverwechselbar.
Hedwig Anke wurde am 3. August 1902 als Tochter des Warnemünder Fischers Adolf Beust geboren. Schon als Kind half sie ihrem Vater bei der Fischerei, beim Sortieren des Fangs und bei der schweren Seesandverschiffung. Später unterstützte sie ihre Mutter beim Fischverkauf – und fand darin ihre eigene Berufung.
1922 erhielt sie einen Marktvertrag und machte sich als Fischhändlerin selbstständig. Zunächst zog sie mit ihrem Handwagen durch Warnemünde, später bekam sie ihren festen Verkaufsstand am Kirchenplatz.
Mit norddeutschem Charme, Schlagfertigkeit und ihrem Plattdeutsch eroberte Min Herzing die Herzen ihrer Kunden. Ihr Ruf ging schon bald weit über Warnemünde hinaus. Zum 50. Berufsjubiläum wurde sie als „Aktivistin“ geehrt.
Min Herzing war längst mehr als eine Fischverkäuferin. Wie eine Volksheldin wurde sie gefeiert und wie eine Künstlerin herumgereicht. Ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre direkte, lebensfrohe Art machten sie zu einer Symbolfigur des alten Warnemünde.
1966 endete ihre Zeit am Kirchenplatz. Mit den anderen Fischfrauen zog Min Herzing zum Posthof. Der offene Verkaufsstand wich einer festen Baracke. Ihrem Beruf blieb sie dennoch bis ins hohe Alter verbunden.
Erst gesundheitliche Probleme zwangen die inzwischen 72-Jährige, ihre Arbeit aufzugeben. Im selben Jahr drehte die DEFA den Dokumentarfilm „Essay über ein Fischweib oder Min Herzing“ über ihren letzten Arbeitstag als Fischverkäuferin.
Der Film zeigt Hedwig Anke lebensfroh, dynamisch und schlagfertig. Sie erzählt offen aus ihrem langen Leben und von den Menschen, der Fischerei und dem Alltag im alten Warnemünde. Damit entstand zugleich ein eindrucksvolles Zeitdokument über die Welt der Warnemünder Fischer und Fischfrauen.
Hedwig Anke starb am 31. Juli 1983 und wurde auf dem Neuen Friedhof Warnemünde beigesetzt. Ihr Name aber ist bis heute lebendig. Ein Warnemünder Fahrgastschiff trägt den Namen „Min Herzing“ am Bug. Gaststätten und Ferienunterkünften erinnern an das Warnemünder Original.
Die neue Erinnerungsplakette wurde vom Leuchtturmverein, der Detharding-Apotheke und den Nachfolgerinnen von Min Herzing, den Fischfrauen aus der Poststraße, die dort von 1973 bis 2001 verkauften, gestiftet. Der Text der Gedenktafel stammt von der Warnemünderin Monika Kadner.
Auch im Heimatmuseum Warnemünde wird die Geschichte der berühmten Fischfrau bewahrt. Min Herzing ist ein kleiner Teil der Dauerausstellung gewidmet. Zu sehen ist außerdem eine auf viereinhalb Minuten gekürzte Fassung des DEFA-Dokumentarfilms.
Hedwig Anke gehört zu vier Warnemünder Persönlichkeiten, die Besucher durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts begleiten. Neben Min Herzing sind dies Ernst Heinkel, Karl Eschenburg und Horst Köbbert.
Die neue Gedenktafel am Kirchenplatz erinnert nun auch an einem ihrer wichtigsten Lebens- und Arbeitsorte an die berühmte Fischfrau. Sie macht sichtbar, was „Min Herzing“ für Warnemünde war: eine Fischfrau mit Persönlichkeit, eine echte Warnemünder Institution – und ein Original, das bis heute nicht vergessen ist.
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