Die Warnemünder lieben ihre zwei Buchhandlungen. In der namens Krakow Nachf. am Kirchenplatz 11 stehen einschneidende Veränderungen an: Die Zweigstelle der Ribnitzer Wossidlo-Buchhandlung schließt zum Jahresende. Das ist besonders traurig für die Kunden, die hier seit Jahrzehnten ihre Lektüre, Geschenke und Konzertkarten gekauft haben. „Aber nach Corona hatten wir große wirtschaftliche Einbußen – und das, obwohl uns die Kundschaft auch in dieser Zeit durch die Nutzung des Lieferdienstes unterstützt hat“, sagt Filialleiterin Sabine Sandig. Auch in ihrem Bereich ist deutlich zu spüren, dass viele Menschen weniger Geld zur Verfügung haben.
Seit zwölf Jahren leitet sie die Buchhandlung an diesem traditionsreichen Standort in Warnemünde. Hier hatte einst Emil Krakow im Juni 1888 die Buchhandlung ins Leben gerufen. Er war der Gründer der „Warnemünder Zeitung“ und betrieb an derselben Adresse zudem eine Druckerei und eine Leihbücherei. Krakow und die Mitarbeiter der nachfolgenden Buchhandlungen, die seinen Namen trugen, hatten mit ihrem Wirken großen Anteil am kulturellen Leben des Ostseebades.
Als Filialleiterin Sabine Sandig von diesem Ende erfuhr, überlegte sie intensiv, die Buchhandlung in Eigenregie weiterzuführen. Sie hat die Traditionsbuchhandlung mit viel Herzblut und Engagement geleitet und mit ihren Kollegen zu einem kulturellen Zentrum für das Ostseebad gemacht. „Krakow ist einfach eine Institution für Warnemünde“, sagt sie – und meint damit sowohl den Gründer als auch die Adresse der Buchhandlung.
Allerdings stieß ihre Übernahmeidee beim Vermieter nicht auf offene Ohren. Sie musste sein Nein akzeptieren. Auch wenn es geschmerzt hat: Mit Blick auf die Kundschaft war es für sie tröstlich zu erfahren, dass die Adresse wenigstens eine Buchhandlung bleiben soll.
In ihrer Zeit organisierte sie alljährlich eine Spendenaktion für einen Verein oder eine Institution aus Warnemünde. „Ich fand es immer gut, wenn sich Warnemünder und Einrichtungen aus dem Ostseebad gegenseitig unterstützen“, sagt sie. Ihre Mutter, Christel Weber, gestaltete das jeweilige Anliegen als Töpferkunstwerk. In diesem Jahr verrät die Keramikrobbe auf dem Verkaufstresen, dass der Erlös der Robbenstation in Hohe Düne zugutekommt. Auch die Signierstunde für den „Tidingsbringer“ hat Sabine Sandig im Dezember mit viel Liebe zum Anliegen organisiert.
Jetzt endet dieses Kapitel. Die Buchhandlung Krakow Nachf. übernimmt Frank Weisleder von der Buchhandlung Möwe in der Warnemünder Luisenstraße. Ursprünglich war geplant, den Namen Krakow Nachf. wegen des Standortes und des Bezugs zu Emil Krakow beizubehalten – so wurde es anfangs auch in Warnemünde kommuniziert. Auch an seiner Eingangstür in der Luisenstraße hatte der Betreiber der Buchhandlung Möwe darüber informiert. Diesen Gedanken hat er jetzt jedoch verworfen.
Beim genaueren Nachdenken kamen ihm Zweifel an der Richtigkeit dieses Schrittes und des Namens. Auch seine Kunden haben ihn darin bestärkt. „Sie meinten, dass ich und die Buchhandlung Möwe einfach zusammengehören“, offenbart Weisleder. „Würde ich den Namen Krakow Nachf. übernehmen, würde es sich für mich so anfühlen, als zöge ich einen fremden Mantel an“, beschreibt er. „Die Buchhandlung Möwe war für mich immer wie ein Mantel, in dem ich mich wohlgefühlt habe.“ Und weiter begründet er die Entscheidung, warum der traditionsreiche Name über der Buchhandlung am Kirchenplatz entfernt und stattdessen der Name der Buchhandlung Möwe angebracht wird: „Wir haben hier in der Luisenstraße schöne und schwierige Zeiten erlebt, einen Preis und viele Kunden dazu gewonnen, sind durch die mühselige Corona-Zeit gegangen – und immer war die Buchhandlung für mich wie ein Mantel, der mich wärmen konnte.“
Der Name geht auf Anton Tschechows Roman „Die Möwe“ und einen Künstlerklub in der Berliner Luisenstraße zurück. Den Buchhandlungspreis erhielt Weisleder 2019 für die Mischung seines Angebots, das neben regionaler und maritimer Literatur auch eine freigeistige Auswahl und besondere Titel umfasst. Und nicht zuletzt wurde er auch geehrt, weil er Lesungen anbietet.
Weisleder war früher als Anwalt tätig, doch die Streitkultur war nicht sein Ding. Also eröffnete er im thüringischen Suhl seine erste Buchhandlung – aber die Sehnsucht nach der Ostsee blieb. So wagte er vor 20 Jahren einen Neuanfang im Ostseebad, den er nie bereut hat. Jetzt freut er sich auf diesen neuen Schritt. „Es ist auch gut, wenn man nicht immer nur im eigenen Saft schmort. Und die Lage ist ohnehin besser als in der Luisenstraße“, vergleicht der 61-Jährige. Aus dem Krakow-Team übernimmt er Ann Büttner. Die Verkaufsfläche will er etwas vergrößern und die Öffnungszeiten ein wenig erweitern: „Wir sind dann in der Woche bis 18 Uhr und am Wochenende sonnabends auch länger als jetzt für die Kunden da.“
Als Genussleser, der Bücher nicht einfach nebenbei konsumieren kann, sondern dafür Ruhe braucht, schwebt ihm eine kleine Leseecke vor. Beim Angebot bleibt er zwar bei seinen eigenen Schwerpunkten – aber jeder Kunde soll etwas finden können. Ein maritimes Antiquariat gehört zu seinem Bestand, und auch seine komplette Sammlung von 1.400 Reclam-Bänden soll in der Buchhandlung Möwe einen Platz finden. Seine Lesungen mit beliebten Autoren finden inzwischen im Gerhard-Lau-Saal in der Begegnungsstätte Am Moor im Warnemünder Wiesenweg statt.
Zu den Autoren, deren Schaffen er derzeit mit Interesse verfolgt, gehört Lukas Rietzschel mit seinem Roman „Sanditz“. Bei Sabine Sandig gibt es im Leseverhalten Parallelen: „Ich lese nichts nebenbei und nicht quer, ich lese ein Buch von Anfang bis zum Ende“, offenbart die Buchhändlerin. Zu ihren derzeit favorisierten Autoren gehört Alex Capus, dessen aktueller Roman „Querfeldein“ heißt.
Während ihrer Arbeit streifen manchmal wehmütige Blicke von Sabine Sandig über das vertraute Umfeld und die Bücherregale. Sie spürt: Eine ihrer schwersten Aufgaben wird es sein, die Tür der Buchhandlung Krakow Nachf. endgültig zu schließen. „Das wird nicht leicht sein“, weiß sie. Aber wie im fairen Sport wünscht sie Frank Weisleder das Beste für seinen Neuanfang an dieser traditionsreichen Adresse. „Und ich möchte mich ganz herzlich bei unseren vielen Kunden bedanken, die uns durch alle Zeiten treu geblieben sind.“
Nach einer Schließ- und Umbauphase öffnet die Buchhandlung Möwe im Februar am Standort der Buchhandlung Krakow Nachf. Frank Weisleders Wunsch ist es, dass die neue und zugleich alte Buchhandlung am Kirchenplatz ein Literaturort für alle Warnemünder und ihre Gäste wird.
Maria Pistor
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