Studie: Wieviel Kreuzfahrt verträgt Warnemünde?

Verträglichkeitsuntersuchung Ortsentwicklung und Kreuzschifffahrttourismus im Seebad Warnemünde vorgestellt.Verträglichkeitsuntersuchung Ortsentwicklung und Kreuzschifffahrttourismus im Seebad Warnemünde vorgestellt.14. Juni 2018

Das meiste von dem, was Heiko Wenzel, Geschäftsführer der Competence in Ports and Logistics GmbH (CPL ) aus Rostock in seinem Vortrag zur „Verträglichkeitsuntersuchung Ortsentwicklung und Kreuzschifffahrttourismus Seebad Warnemünde“, als einem Teilbereich des Masterplans „Am Seekanal“ am Dienstagabend vor dem Ortsbeirat offenbarte war den anwesenden Warnemündern längst bekannt. Doch nun kamen all die Dinge erstmals aus berufenem Munde, denn die Stadt Rostock hatte diese Untersuchung in Auftrag gegeben.  

Das Büro CPL hatte für ihre Analyse zehn europäische Vergleichshäfen, von Bergen bis Barcelona, betrachtet. Das Ergebnis: Es gibt keinen einzigen, der so „gestrickt“ ist wie Warnemünde! „Üblicherweise ist es so, dass sich eine größere Stadt im Hinterland befindet und die Schiffe in irgendeinem Industriehafen anlegen, um die Passagiere per Bus in die Stadt zu den Sehenswürdigkeiten zu kutschieren“, sagte Heiko Wenzel. In Warnemünde aber sei der Ort an sich die Attraktion, außerdem gäbe es ein sehr schönes Hinterland und die Nähe zur Bundeshauptstadt Berlin, die von den internationalen Schiffsgästen auch gern besichtigt wird. „Einen vergleichbaren Standort haben wir nirgendwo gefunden.“

Ein Maßnahmenpaket zur Vermeidung negativer und zur Nutzung positiver Effekte der Kreuzschifffahrt hatte Heiko Wenzel ebenfalls „im Gepäck“. Danach würden in anderen Häfen mit mehr oder weniger großem Erfolg bereits die Begrenzung der Passagiere pro Tag, die Entzerrung der Anläufe sowie die räumliche Entzerrung der Landausflüge und deren Gestaltung, etwa durch die Begrenzung der Gruppengrößen, praktiziert.  

Was in anderen Kreuzfahrthäfen funktioniert, muss aber in Warnemünde nicht zwangsläufig auch gut gehen. Hier leben knapp 8.000 Einwohner und pro Jahr werden im Ort gut 1,2 Millionen Übernachtungen von Urlaubsgästen gezählt. Es gibt zudem Großveranstaltungen und natürlich unzählige Tagesgäste, die es an schönen Sommertagen en Gros an den Strand zieht. Im vergangenen Jahr wurden im Ostseebad 190 Schiffsanläufe mit 641.000 Passagieren gezählt. Zu je einem Drittel wurden die Tagesausflüge nach Warnemünde selbst, ins Umland und nach Berlin unternommen. Hinzu kommen nochmals 50.000 Crewmitglieder, die sich auch gern einen kurzen Landgang in Warnemünde genehmigen. Betrachtet man nur die Zahlen, ist der Kreuzfahrttourismus also ein relativ kleiner Teil des gefühlten „Überfüllungsproblems“. Den größeren Teil machen landgebundene Urlauber und Tagesgäste aus.

Die subjektive Wahrnehmung der Warnemünder ist jedoch eine andere, denn die „Landgängler“ von Bord treten oft im Pulk auf und die Crewmitglieder sorgen für leere Regale und lange Warteschlangen in den Supermärkten. Gastronomen klagen darüber hinaus über geringe Umsätze bei belegten Plätzen. Konflikte sind demnach vorprogrammiert, obwohl die Warnemünder der Studie zufolge als generell „kreuzfahrerfreundlich“ eingestuft werden.

Lösungsansätze müssen also her und das nicht nur, weil man im Jahr 2030 mit bis zu 220 Kreuzlineranläufen allein in Warnemünde rechnet. Genutzt werden soll dann auch der neue Liegeplatz 12, der nach den Planungen des Hafenamtes südlich des alten Werfbeckens, parallel zum Fahrwasser der Warnow, entstehen soll. Man plant mit 2.625 Passagieren, die so ziemlich gleichzeitig Warnemünde besuchen wollen. Zu „wuppen“ ist das nur, durch die deutliche Verbesserung der bisherigen Abläufe und Bedingungen. „Gebraucht wird eine zusätzliche Stromquerung, und zwar dort, wo die Besucherströme entstehen, am südlichen Ende“, ist Wenzel überzeugt. Ebenfalls gefordert: eine höhere Aufenthaltsqualität auf der Mittelmole und die Schaffung zusätzlicher touristischer Flächen, beispielsweise in der Mühlenstraße. Die Größe von Landausflugsgruppen kann begrenzt und der Liefer- und Busverkehr deutlich optimiert werden. Entlastung käme auch durch freies WLAN im gesamten Ort und separate Einkaufmöglichkeiten für Crewmitglieder.

Der Beiratsvorsitzende Alexander Prechtel begrüßte die Ausführungen Wenzels: „Viele Anregungen werden auch durch den Ortsbeirat schon seit Jahren gefordert.“ Prechtel warnte gleichzeitig davor, die Akzeptanz des Kreuzfahrttourismus bei den Einheimischen überzustrapazieren. Auch Hansi Richert vom Warnemünde Verein zeigt sich betroffen und gibt abschließend zu bedenken, dass die Wirtschaft zunehmend an erster Stelle und die hier lebenden Menschen hintenan stehen würden.

Foto: Archiv



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